© Solothurner Zeitung/NMZ, 2001-06-30, Seite 15a

«Gar nicht richtig schwanger» Abstand[Begriff aus der Medizin]

Ein Verein für Eltern frühgeborener Kinder soll Ängste eindämmen

Eltern von frühgeborenen Kindern haben es nicht einfach. Oft sind sie mit ihrer Situation überfordert. Miriam Kaenel war selbst zweimal betroffen und gründete deshalb vor wenigen Jahren einen Verein für Eltern frühgeborener Kinder für die Kantone Solothurn, Bern und Freiburg.

Myriam Sperisen

 

Miriam Kaenel aus Lommiswil hat zwei Kinder. Salome ist sechs Jahre alt und Söhnchen Noe ein halbes Jahr. Doch die Altersangabe Noes ist nicht ganz korrekt, denn eigentlich ist er vom Entwicklungsstand her erst vier Monate alt. Weil er zehn Wochen zu früh zur Welt kam, wird nun zwei Jahre lang das korrigierte Alter angegeben. In seinem Ausweis wird letztendlich der wirkliche Geburtstag stehen. Als er Ende Dezember in Bern zur Welt kam, wog er 1100 Gramm und war 37,5 Zentimeter gross. Für Miriam Kaenel war es ein schlimmes Erlebnis. Schon Salome hatte vor sechs Jahren viel zu früh das Licht der Welt erblickt. Sie wog sogar nur 750 Gramm und war 33 Zentimeter gross. «Damals habe ich mich sehr alleine gefühlt, es gab im Kanton keine Selbsthilfegruppe», erinnert sie sich. Zwei Jahre nach der Geburt ihrer Tochter beschloss sie, dies zu ändern.

Begriff aus der Medizin Abstand[«Gar nicht richtig schwanger»]

Sie gründete den Verein für Eltern frühgeborener Kinder. Der Name des Vereins: «Känguru». Dieser Begriff stammt aus der Medizin für Frühgeborene. «Känguru-Methode» wird der Zustand genannt, während dem die Eltern ihre Kinder aus der Isolette (Brutkasten) nehmen und sie zugedeckt an die nackte Brust legen dürfen. Diese Zeit liegt bei Miriam Kaenel und ihrem Sohn Noe noch gar nicht so weit zurück. Während acht Wochen lag der Kleine im Spital. Auch bei Salome gab es nie absolut kritische Momente, ausser am Anfang. «Es ist hart, wenn Du jeden Tag damit rechnen musst, dein Kind zu verlieren», sagt sie traurig. Sie habe es als schrecklich empfunden, das Kind nicht bei sich zu haben, vor allem unmittelbar nach der Geburt. Dass beide Kinder Frühgeburten waren, sei Zufall: «Eltern, die bereits ein frühgeborenes Kind haben, spüren die Angst, dass dies wieder geschehen könnte. Wichtig wären medizinische Abklärungen nach der Ursache.» Wenn Kaenel mit Eltern diskutiert, die eine «normale Geburt» erlebt haben, stösst sie nicht immer auf volles Verständnis. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie gar nicht richtig mitreden kann. «Durch die Frühgeburten fühle ich mich oft um einen wichtigen Teil der Schwangerschaft betrogen. Ich habe das Gefühl, gar nicht richtig schwanger gewesen zu sein. Bei Salome gab es Leute, die gefragt haben, ob das Kind adoptiert worden sei», schildert sie ihre Erfahrungen. Verletzende Bemerkungen seien nicht selten.

Der Elternverein Känguru setzt an diesem Punkt an. Er animiert dazu, dass betroffene Eltern unter sich sein können um ihre Sorgen und Ängste zu diskutieren. «Alle Eltern sind anders. Viele suchen das Gespräch, andere müssen zunächst alles ein wenig setzen lassen. Es gibt auch solche, die erst Jahre später darüber reden wollen», weiss Kaenel aus Erfahrung. Der Verein umfasst inzwischen 70 Mitglieder. Trotz der vielen schlimmen Episoden, die Eltern frühgeborener Kinder durchmachen müssen, haben durchaus auch positive Gefühle Platz. «Ich freute mich wegen jedes Grammes, das meine Kinder zunahmen. Gegen Ende des Spitalaufenthaltes konnte ich es kaum erwarten, sie mit nach Hause zu nehmen.»

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